Chasingbericht vom 23.06.2016 – Superzelle! Superzelle! HEY! HEY!

Am 23.06.2016 stellte sich die erste solide Level-Zwei-Lage für Teile NRWs ein. Grund genug für uns, sich auf den Weg an den Niederrhein zu machen. Die Ursache für das herausgegebene Level 2 (Link zu unserem Convective Outlook) lag in einer klassischen loaded-gun Lage. Das bedeutet, dass vorderseitig eines Troges, der von Grönland bis kurz vor die Azoren reichte, sehr feuchte und zunehmend auch warme bis heiße Luftmassen Deutschland erreichten. Zusätzlich war die Luftmasse ordentlich gedeckelt (leicht erhöhte CIN-Werte und nur geringe Hebungsimpulse), sodass der Tag zunächst freundlich begann. Dennoch starteten insgesamt neun Mitglieder aus allen vier Teams voller Vorfreude und bei bestem Sonnenschein ihre Tour an den Niederrhein.
So erreichte der Großteil der Teammitglieder schon am frühen Nachmittag den äußersten Westen Duisburgs. Hier konnte man sich nahe der A57 und auch nicht weit entfernt von der A40 günstig positionieren und die Auslöse abwarten. Nach langer Warterei und einer zwischenzeitlichen Stärkung ging es am späten Nachmittag endlich so richtig los – es sollte ein später Start in ein sehr gelungenes Chasing werden.
Der geladene Revolver wurde abgefeuert oder versuchte es zumindest: Die ersten Cumuli schossen aufgrund der hohen CAPE-Werte (Essen zeigte um 14 Uhr bereits knapp 1400 J/kg) in die Luft.

Die hohe Windscherung mit bis zu 25 m/s in den unteren 6 km resultierte in einer eindrucksvollen Neigung der entstehenden Cumuli.
Also entschieden wir von Duisburg aus zu verlagern und peilten die Region um Xanten an. Dort konnten wir eine schöne Einzelzelle bei Geldern beobachten, die allerdings recht rasch wieder in sich zusammenfiel. Grund dafür war das Einbinden trockenerer Luft aus mittleren Troposphärenschichten. Viel imposanter erstrahlten mächtige Cumuli in Richtung Osten.


Da wir aufgrund des Berufsverkehrs und der für uns relativ ungünstig verlaufenden Schnellstraßen keine Chancen sahen, die weiter anwachsenden Zellen im Kreis Coesfeld noch zu erreichen, entschloss man sich, weiter abzuwarten. Inzwischen zeigte die Temperatur verbreitet über 30°C, auch die Taupunkte stiegen teilweise bis auf 23°C an.
Deshalb war es nicht verwunderlich, dass gegen 19 Uhr viele gut organisierte Einzelzellen über dem gesamten Niederrhein entstanden. Wir fuhren etwas weiter nach Südwesten und peilten als nächstes Ziel Rheinberg an, was sich als eine geniale Idee herausstellte. Wir hatten einen Rundumblick auf verschiedene gut organisierte Einzelzellen. So schraubte sich zum Beispiel im Süden unmittelbar vor uns ein mächtiger Aufwind hoch, wie auf dem Bild zu sehen ist.

Schön zu erkennen ist die Aufwindneigung durch die hohe Windscherung.
Etwas weiter im Südwesten wuchs bereits die nächste Zelle und schob sich vor die sich langsam etwas senkende Sonne, sodass diese kontrastreiche Aufnahme entstehen konnte.

Quasi in unserem Rücken, genauer gesagt im Osten/Nordosten, sahen wir die Zelle von Coesfeld, die mittlerweile den Norden NRWs (Regionen um Münster, Rheine und Osnabrück) fest im Griff hatte.
Gegen etwa 20 Uhr ging die Tour weiter und die Kolonne aus verschiedenen Teams startete in Richtung der niederländischen Grenze. Über Eindhoven hatte sich zu diesem Zeitpunkt eine enorme Superzelle entwickelt, die eine sehr schöne Radarsignatur sowie eine markante Blitzaktivität an den Tag legte.

Wir entschlossen uns, die Zelle im Bereich von Venlo abzufangen. Somit fuhren wir über die A40 bis in den Nordwesten von Venlo, wo uns neben einer Menge Gewächshäusern schließlich ein guter Blick auf die Superzelle bot. Nach nur wenigen Minuten schob sich das Monster direkt vor uns. Blitze entluden sich, ein Dauer-Donner war zu hören, dazu die unglaublichen Strukturen – für einen Sturmjäger ein wunderbarer Anblick.

Für die Anwohner bedeutete der Aufzug des Gewitters allerdings Gefahren wie großen bis sehr großen Hagel und schweren Sturmböen sowie Starkregen. Bei Eindhoven fielen sogar Hagelgeschosse von bis zu 9 Zentimetern vom Himmel (in diesem Video gut zu erkennen), was für diese Region schon außergewöhnlich ist.

Deshalb packten wir kurz vor Ankunft der gigantischen Zelle unsere Sachen und begaben uns zügig auf die A40 zurück nach Deutschland, um mit der Zelle mitzufahren, wohlwissend um die Gefahren, die im Niederschlagsbereich lauerten. Für einen Teil des Teams ging die Rechnung auf, für einen anderen Teil leider nicht. Grund dafür war eine Zollkontrolle (wirken 3 junge Männer in einem Auto auf dem Weg von Holland nach Deutschland etwa verdächtig?), die die Mission stoppte. Der zollkontrollfreie Teil der Teams wechselte im Kreuz Moers auf die A57 nach Norden und steuerte Alpen an, während die Zollkontrollierten erst später die Verfolgung aufnehmen konnten und es nur noch bis nach Rheinberg schafften. Dennoch bot sich ihnen hier noch einmal ein wundervoller Blick auf die Zelle mit äußerst tief-hängender Wallcloud

Und weiter ging die wilde Fahrt: Nachdem sich wieder alle zusammengeschlossen hatten, fuhren wir gegen 23 Uhr weiter nach Neuss bzw. Mönchengladbach. Ziel war es, das nächste Gewitter abzupassen, welches von Westen hereinzog. Wir positionierten uns also wie üblich auf einem Feld zwischen den beiden Städten. Bei der Anfahrt leuchtete der Himmel quasi dauerhaft – uns stand also eine echte Flackerei bevor, wie wir sie schon auf der Rückseite der abziehenden ehemaligen Venlo-Zelle beobachten konnten. Jedoch wunderten wir uns, dass keine schöne Shelf zu sehen war, obwohl sich das System mittlerweile linearisiert hatte. Nun gut, dachten wir uns, dann eben nicht. Trotzdem bauten wir munter unsere Stative und Kameras auf, um Blitzfotos zu machen und vielleicht doch noch einen Shelf-Ansatz zu erwischen. Ersteres, also ein (zugegeben unspektakulärer) Blitz, gelang zwar, jedoch wurde unser Vorhaben abrupt unterbrochen.

Denn plötzlich – wie aus dem nichts – machte es *PLONG*. Es folgte ein kurzes verunsichertes Umgucken aller Teammitglieder, bevor allen klar war: Das war ein ziemlich großer Hagel, der auf eines unserer Autos knallte!
Wir packten unsere sieben (in Wirklichkeit wären es sogar mehr gewesen, wie sich etwas später herausstellte) Sachen und flüchteten. Allerdings ergab sich keine wirkliche Möglichkeit zum Unterstellen, sodass wir relativ besorgt um unsere Autos umherfuhren.  Wir hatten allerdings Glück im Unglück, da nur wenige Kilometer von uns entfernt in Mönchengladbach viel größerer Hagel für viele Schäden sorgte, wie wir später noch feststellen konnten, während wir Hagel von „nur“ 2 cm beobachten konnten. Nach dem Schrecken positionierten wir uns nahe der Skihalle in Neuss, um rückseitig des Gewitters noch einige schöne Blitze einfangen zu können.

Die Uhr zeigte mittlerweile 1 Uhr an und eigentlich war die Luft raus – schließlich war man nun über 12 Stunden unterwegs und die Zelle von Neuss hatte sich weit entfernt. Also machte sich ein Teil der Sturmjäger auf den Weg nach Hause, während einem anderen Teil die Idee kam, ein weiteres sich von Westen näherndes Gewitter abzufangen.
Also ging es weiter: Erneut auf die Autobahn, diesmal in Richtung Heinsberg. Auf dem Weg dorthin sahen wir viele abgerissene Blätter auf und neben der Fahrbahn – ein Relikt des Hagels. Dort angekommen füllten wir die letzten Speicherreserven unserer SD-Karten mit folgenden hübschen Blitzbildern.

Gerade noch rechtzeitig krochen wir zurück in unser Auto und ließen uns von einer Neuentwicklung überrollen. Neben dem *PLONG* des Hagels zwischen Neuss und Mönchengladbach gab es einen zweiten Schockmoment – ein Naheinschlag auf dem Feld neben uns. Auch im weiteren Verlauf zuckten die Blitze um uns herum. Erst in der späten Nacht fuhren wir wieder zurück nach Bonn, welches wir in der Morgendämmerung zufrieden und ziemlich müde erreichten. Es war ein rundum sehr gelungener Tag, der nur durch die Zollkontrolle und der fehlenden Kameratasche gestört wurde.
Zum Abschluss gibt es nachfolgend noch eine Videozusammenfassung:

Updated: 10. Juli 2016, 17:13 — 17:13
© Sturmjäger NRW 2011 - 2017


Creative Commons Lizenzvertrag

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.
Frontier Theme