Convective Outlook 07.06.2012

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Gültigkeitsdatum:

gültig

vom: 07.06.2012, 06Uhr UTC
bis:   08.06.2012, 00Uhr UTC

 

Synoptische Ausgangssituation

Ein abgeschlossenes Höhentief mit Kern über dem Nordmeer prägt das Wetter in Mitteleuropa. Während heute ein negativ geneigter Sekundärtrog samt Bodenfront vorübergehend maritim polare Luftmassen herangeführt hat, kommt es stromaufwärts zu einer erneuten, deutlich schärferen Austrogung. Dabei wird das genannte Höhentief schrittweise „meridionalisiert“. Trogvorderseitig konnte sich eine kräftige Zyklone entwickeln, welche sich um 00UTC mit einem Kerndruck von 990 hPa südlich der irischen Küste befindet. Als Konsequenz dreht die Strömung über Frankreich, BENELUX und Westdeutschland rasch zurück und von Südwesten setzt WLA ein. Aktuelle Satellitenbilder zeigen die „Daria“ vor dem Europäischen Festland. Erste Cirrus-Felder des WCB erfassen bereits Frankreich.

Am Donnerstag verlagern sich Trog und Tief (unter weiterer Vertiefung auf rund 980 hPa) nach Nordosten. Im Bodenfeld kommt die Kaltfront beschleunigt nach Osten voran und erfasst ab dem Nachmittag den Vorhersagebereich. Unwetterartige Gewitter sind die Folge.

 

Mesoskalige Diskussion

GFS und WRF zeigen morgen Vormittag vor allem von Frankreich bis Nordwestdeutschland ausgedehnte mittelhohe Wolkenfelder, die auf WLA zurückzuführen sind. Anfangs sind dabei nach Norden leichte Niederschläge zu erwarten. Mit Ankunft der „Spanish Plume“, sowie einer möglichen EML (siehe Trakjektorien zur Herkunft der Luftmasse) kann es vom Zentralmassiv bis nach Baden jedoch zumindest gebietsweise auflockern. Am Alpenrand spielen zudem Föhneffekte eine Rolle. Die 850er Temperatur steigt unterdessen auf bis 15 °C an, wobei die 10-Grad-Isotherme bis auf eine Linie Eifel – Frankfurt vorankommt.

Ferner lässt Feuchteadvektion in der Grenzschicht den Energiegehalt der Luft stark ansteigen, wie am Mischungsverhältnis und der äquivalentpotentiellen Temperatur zu erkennen ist. Besonders ins Auge fallen Teile Frankreichs, wo Theta-E Werte bis zu 60°C bei einem Mischungsverhältnis von 12 g/kg simuliert werden. Gedeckelt durch eine leichte Absinkinversion und die angesprochene EML sollte etwaige Konvektion anfangs unterdrückt werden. Trotzdem wird die Schichtung in dieser Region zunehmend labil, wie durch CAPE Werte von bis zu 1500 J/kg und KO-Indices bis -12 zum Ausdruck gebracht wird. Weiter nördlich ist CAPE mit 300-700 Joule deutlich niedriger. Mit Eintreffen der Kaltfront am Nachmittag lassen sich nun mehrere Entwicklungen beobachten und ableiten.

Am diffluenten Ausgang eines kräftigen Jetstreaks, sowie vor einem seichten Kurzwellentrog simulieren die Modelle deutliche Hebungsvorgänge durch positive differentielle Vorticityadvektion. Resultierende Vorticityproduktion in Bodennähe formt einen Drucktrog (diabatische Effekte spielen auch eine Rolle), der sich von Süd nach Nord verlagert. Wenngleich er keine geschlossene Zirkulation ausbildet, wirkt er trotzdem frontogenetisch., da ein hoher isallobarischer Gradient hervorgerufen wird (Stichwort: Drucktendenzen). Als Folge verstärkt sich die frontale Querzirkulation, wodurch die Front nach (Nord-)Osten beschleunigt. Lediglich entlang der Alpen wird sie quasistationär.

Aufgrund der kräftigen Oberwinde erhöht sich bereits im Warmsektor die Dynamik. Mit Näherung der Front erreicht die 0-6 km Bulk-Shear Werte von 23 bis knapp 30 m/s. Bei gleichzeitiger Rechtsdrehung des Windes mit der Höhe liegt Veering vor. Primär über den Gebieten mit viel CAPE ist also organisierte Konvektion zu erwarten. Allgemein sollte der Großteil der Konvektion an der Kaltfront selber entstehen. Allenfalls den Drucktrog kann man als Konvergenz interpretieren, die dann aber ohnehin als Kaltfront fungieren würde.

 

Begleiterscheinungen / Gefahren

Ostfrankreich, Nordwestschweiz, Südwestdeutschland

Auslöseindikator / Zellmodus: Kaltfront, Orographie

In dieser Region sind morgen die höchsten Labilitätswerte-Werte vorzufinden. Einen nicht unerheblichen Teil trägt dazu die hier gut ausgeprägte EML bei. Geht man nach WRF, so sind 1,5 kJ ML-CAPE durchaus vertretbar. Gepaart mit starker niedertroposphärischer, hochreichender Windscherung und Helizität bis zu 250 m²/s², ist ab dem Nachmittag nach Überwindung von CINH mit hochreichender Feuchtekonvektion zu rechnen. Erste Gewitter können auch etwas früher an den üblichen orographischen Hotspots entstehen. Jegliche Einzelzellen haben in dieser Umbegung das Potential einen rotierenden Aufwind zu entwickeln. Auch langlebige (mehrere Stunden), blitzintensive Superzellen sind zu erwarten. Vorzugsweise in ihrer Entstehungsphase bergen sie ein hohes Potential für Großhagel. Auch sehr großer Hagel bis 7 cm kann ganz lokal nicht ausgeschlossen werden. Hier sollte vor allem Schwarzwald, Vogesen und die Bodenseeregion genannt werden. An letzterem Ort besteht auch die Gefahr von „Druckwellen“, wobei starke Downbursts möglich wären.
Gegen Abend, wenn sich das LCL absenkt steigt besonders in Superzellen die Gefahr von Tornados (hügelige Regionen bevorzugt), auch weil die LLS mit bis zu 17 m/s beachtlich hoch ist. Höher als 5 % wurde das Risiko jedoch nicht angesetzt, da LL-CAPE zu niedrig simuliert wird.

Im weiteren Verlauf werden sich die Zellen verclustern, sich linienartig organisieren und ggf. als Squalline nach Südwestdeutschland ziehen. An der Alpenwestseite, wo die Front zum Schleifen kommt, werden intensive konvektive Niederschläge für wahrscheinlich gehalten (PW-Werte bis 35 kg/m²). Dabei sind Flash-Floods denkbar.

Alles in allem scheint ein Severe-Threat 2 für diese Region also mehr als angemessen.

Frankreich, BE-NE-LUX, (Nord-)Westdeutschland

Auslöseindikator / Zellmodus: Kaltfront, Orographie

Besonders WRF sieht eine weiteren Gefahrenherd über Belgien und Westdeutschland, wenn die „Plume“ weiter nach Norden vorstößt und gleichzeitig die Dynamik zunimmt. Dann wird bei moderatem QG-Forcing und starker Scherung ebenfalls Konvektion vermutet, die wie auch im Süden Mesozyklonen ausbauen kann. Vollends scheint das TOTAL-Severe-Potential jedoch nicht größer als 10% zu sein, besonders weil die stärkste Hebung erst nach Sonnenuntergang „geproggt“ wird. Damit ist das Großhagelrisko deutlich gedämpft. Auch gibt es noch einige Unsicherheiten in Bezug auf die Labilität, die aber im kommenden Abschnitt diskutiert werden.

Im Moment wird ein Severe-Threat 1 für dieses Areal für ausreichend gehalten.

 

Modellkonsistenz und ergänzende Hinweise

Als Basis dieser Vorhersage dienten die 12z-Läufe von GFS, ECMWF, GME, WRF, Janek WRF sowie der HIRLAM Prognose Temps. Die Globalmodelle simulieren die Großwetterlage einheitlich und ohne nennenswerte Unterschiede. Im mesoskaligen Bereich finden sich jedoch größere Diskrepanzen, besonders in Bezug auf Labilität und die Verteilung der Niederschläge. Es ist nicht sicher wie weit die subtropische Luftmasse bis zum Abend nach Norden vorstoßen kann. Außerdem gibt es Unsicherheiten hinsichtlich der o.g. WLA-Bewölkung in der „Mid-Layer“. Derzeitige Satellitenbilder zeigen einen weit gefächerten Cirrenschirm, sowie einige schwache Hebungsfelder vor dem Tief. Sie könnten besonders im Norden die Einstrahlung deutlich eindämmen. Desweiteren spielt die Krümmung des Bodentrogs eine wichtige Rolle in Hinblick auf Helizitätswerte und damit auch auf das Tornadopotential weiter nördlich.

Besonders über Frankreich, der Schweiz und Südwestdeutschland scheint die Lage jedoch mehr oder minder in „trockenen Tüchern“ und wird von allen Modellen bis auf einen Fehler von +- 300 CAPE deckungsgleich berechnet.

Sollte sich in den kommenden Modellläufen oder morgen in der Nowcast jedoch noch etwas ändern, kann ein Update erfolgen.

 


Update

 

Der 00er WRF sowie der 6er GFS Lauf, lassen die Labilität weiter nach Norden vorstoßen, als die Vorläufe. Gegenwärtige Satellitenbilder zeigen zudem weniger Bewölkung als angenommen wurde.

Obwohl noch gewisse Unsicherheiten bestehen, kann davon ausgegangen werden, dass zusätzlich zu den südlichen Gebieten (Ostfrankreich, Schweiz, Baden-Würtemberg) noch RLP, Belgien, sowie der südwestliche Teil von NRW von schweren Gewittern betroffen sein werden. Hinzu kommt, dass GFS über den Niederlanden und dem westlichen NRW um 18z markante PVA in 300 hPa berechnet.

Wir gehen davon aus, dass sich erste grundschicht-entkoppelte Konvektion, die bereits über Frankreich aktiv ist, verstärkt und sich progressiv nordostwärts verlagert. Aufgrund von radialsymmetrischen Feuchtekonvergenz- und Vertikalbewegungsstrukturen (Janek WRF) ist ab dem späteren Nachmittag mit der Ausbildung eines MCS zu rechnen, der sich nach Westdeutschland verlagert. Hierbei bestehen Unsicherheiten hinsichtlich der genauen Zugbahn. Innerhalb dieses Systems liegt die Hauptgefahr bei linearen Starkwindereignissen sowie Großhagel ( besonders am „Leading-Edge“). Auch unwetterartiger Starkregen ist möglich. Da GFS zudem die LLS weiter heraufgesetzt hat, ist der 5%-Bereich für Tornadopotential weiter nach Norden expandiert.

Mit weiterer Ostverlagerung schwächt sich das System ab. Es muss aber weiterhin mit lokalen Flash-Floods und Downbursts gerechnet werden.

Updated: 21. März 2014, 22:08 — 22:08
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