Convective Outlook 28.06.2012

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Gültigkeitsdatum:

gültig

vom: 28.06.2012, 06Uhr UTC
bis:   29.06.2012, 00Uhr UTC

 

Synoptische Ausgangssituation

Eine schwach-gradientige Südwestlage bestimmt das Wetter in Mitteleuropa. Im 500-hpa-Feld verläuft eine mäandrierende Westströmung mit zwei Langwellentrögen über dem Ostatlantik und Westrussland, die einen flachen Höhenrücken flankieren. Letzterer befindet sich mit seiner Achse derzeit über Deutschland, sodass verbreitet Absinken herrscht. Eine schwache Warmfront über der Nordhälfte des Landes bleibt daher inaktiv und verlagert sich zunächst kaum.

Vorderseitig des westlich situierten Trogs verstärkt sich jedoch im der kommenden Nacht die WLA, wobei die 15°C-Isotherme bis morgen früh 6z eine Linie Calais-Eifel-Alpenrand erreicht.

Bedingt durch die Ostwärtsverlagerung des Trog-Keil-Musters nimmt der zyklonale Einfluss zu. Eine Kaltfront mit vorgelagerter Konvergenz nähert sich zum Nachmittag dem Vorhersagegebiet und löst eine Schwergewitterlage aus.

 

Mesoskalige Diskussion

Das 12z Sounding von Bordeaux zeigt eine markante EML ( ~700-500 hPa) und passend dazu 1,3 k CAPE sowie einen LI von -6. Mit Hilfe der Prognose für die Rückwärtstrajektorien für Morgen Mittag wird deutlich, dass sich diese hochreichend labile Luftmasse nach Osten bzw. Nordosten in Bewegung setzt. Mit zusätzlicher Einstrahlung sind daher 1-1,5, über Frankreich sogar 2 Kilo- Joule ML CAPE durchaus denkbar. Neben der indifferenten Mid-Layer profitieren die unteren Schichten zudem von kräftiger Feuchteadvketion, wobei der Energiegehalt der Luft durch hohe bis sehr hohe Theta-E Werte (>60°C) wiedergegeben wird.

Neben hoher Labilität sind in der Schichtungskurve des Bordeaux-Soundings jedoch auch mehrere Absinkinversionen auszumachen, die hochreichende Konvektion unterdrücken konnten. Ähnliches sollte sich zunächst auch morgen abspielen.

Oberhalb der EML sind außerdem mittelhohe bis hohe Wolkenfelder zu erwarten (aufgrund von Schichtdickenadvektion und leichter PVA), die anfangs in den nördlichen Niederlanden und Nordwestdeutschland noch von größerer Mächtigkeit sein können. Ab 15 z rechnen die Modelle dann über Frankreich und Belgien zunächst vereinzelte Konvektion, wobei fraglich ist, ob der Deckel dann schon überwunden bzw. gehoben werden kann. Thermische Auslösung scheint bei einer CT von bis zu 34 °C unwahrscheinlich. Wir rechnen daher erst Abends mit der Auslöse von Gewittern, wobei mehrere Faktoren eine Rolle spielen:

1. Druckabfall im Warmsektor durch „Überhitzung“ (lokal 30°C)

→ zyklonal gekrümmte Isobaren → Druckrog

2. Abbau des „Deckels“ durch beginnende Ausstrahlung

3. Präfrontale Feuchteflusskonvergenz

4. Positive Rückkopplung von Feuchtefusskonvergenz und Drucktrog

Druck fällt → Bodendruckfeld zyklonal → Konvergenz verstärkt sich → Druck fällt weiter usw.

5. Zunehmend zyklonal gekrümmt Isohypsen

Letzterer Punkt spielt jedoch kaum eine Rolle, da jeglicher Antrieb aus dem Bodendruckfeld erfolgen muss. Trotzdem sind besonders im Norden auch oberhalb der Grenzschicht leichte Trogstrukturen erkennbar, was auf eine flache Welle schließen lässt.

Nach Initiierung werden sich bevorzugt Multizellen entwickeln, aber auch superzellulare Konvektion ist insbesondere im Bereich des Severe Threat 2 möglich. Desweiteren besteht die Gefahr eines MCS, doch dazu mehr in den Regionalisierungen.

 

Begleiterscheinungen / Gefahren

Teile der Niederlande, Belgiens und Westdeutschlands

Auslöseindikator / Zellmodus: Konvergenz (anfangs eventuell Orographie), meist gruppig

Hinsichtlich der hohen CAPE-Werte und der bereits erwähnten EML ist das Großhagelrisiko in dieser Region mit 20% deutlich erhöht. Wir rechnen weniger mit verbreiteten Hagelereignissen als viel mehr mit lokalem, jedoch dann bis zu 5 cm großem Hagel. Gleiches gilt bei linearen Starkwindereignissen, die aufgrund der schwachen Oberwinde eher selten auftreten dürften.

Trotzdem kann es in einem ausgeprägten Downdaft zu Downbursts durch Niederschlagslast kommen. Nach Sonnenuntergang werden sich die Zellen schnell verclustern. Die Modelle geben dabei Hinweise auf einen MCS über Westdeutschland. Im Mesoscale scheint diese Prognose auch plausibel, da folgende Zutaten gegeben sind:

1. Starke Helizität am Nordende des Warmsektors

Obwohl die Zone des „besten“ Hodographen (Veering) nicht den labilsten Bereich überdeckt, so stehen etwaiger Konvektion trotzdem noch rund 150-200 m²s² SRH zur Verfügung.

2. Scherung

Der Löwenanteil der Geschwindigkeitsscherung ist niedertroposphärisch zu finden. Hinzu kommt Ausstrahlung und damit die Ausbildung eines Grenzschichtjets. Er fungiert als eine Art „moisture-conveyor-belt“ also als „Feuchteförderband“ und begünstigt die Verclusterung.

3. Hohes Mischungsverhältnis sowie sehr hohe PW-Werte ( bis zu 45 kg/m²)

4. Flache Welle oberhalb der Grenzschicht (Okklusionspunkt)

Ein MCS scheint also durchaus denkbar. In seinem Einzugsgebiet ist mit Starkregen und (schweren) Sturmböen, besonders am Leading-Egde des Systems (Südende) auch mit Hagel zu rechnen. Das Tornadorisko ist mit 2% gering.

Restliche Regionen des Severe-Threat 1

Auslöseindikator / Zellmodus: Orographie / Konvergenz, meist gruppig

Auch weiter südlich sind Gewitter zu erwarten, die aber nicht so stark ausfallen wie weiter nördlich. Gleichwohl sind begründet durch die hohe Labilität lokal Unwetter möglich (besonders in den Mittelgebirgen) , wobei auch hier die Hauptgefahr bei Großhagel anzusiedeln ist.

 

Modellkonsistenz und ergänzende Hinweise

Es existieren noch größere Unsicherheiten unter den Globalmodellen in puncto Timing und Auslöseintensität. Während GFS die Konvergenz bereits um 15z bis an die Grenze Westdeutschlands „vordringen“ lässt, ist z.B. GME etwas langsamer und belässt jegliche Konvektion über Belgien und Frankreich. Auch auf Lokalmodellebene scheint die Lage noch längt nicht in „trockenen Tüchern“. So orientiert sich WRF beispielsweise stark an GFS, während das britische Modell UKMO-NAE allgemein sehr zurückhaltend reagiert. Demnach soll die stärkste Konvektion weiter südlich zu finden sein. Auch Die COSMO Kette gibt eher wenig Konvektionssignale.

Trotzdem ist die Wetterlage allein von der berechneten Labilität als auch von der Dynamik her einen Severe-Threat 2 wert. Sollten die Modelle allgemein „zurückrudern“ kann jedoch ein Downgrade erfolgen.

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